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Joseph Beuys /// "Sonne statt Reagan"

3. Juli 1982. In der dienstagabendlichen ARD-Musiksendung "Bananas" tritt ein unbeholfen wirkender Mann mit Fischerweste und Mütze auf die Bühne. An seiner Seite drappieren sich Musiker der Kölner Formation BAP, merklich ohne Wolfgang Niedecken. Der Hut- und Westenträger hält sich bedeckt im Hintergrund des form- und schmucklosen Studioaufbaus. Das Mikrofon hält er, als wäre es zerbrechlich und könnte mit jeder zusätzlichen Bewegung auseinander brechen. Dann wird eingezählt, das Playback läuft, nur der Text ist... irgendwie ungewohnt. Der ältere Mann am Mikro singt von Aufrüstungspolitik und einem "way of life", den er abschätzig als Diktatur bezeichnet. Und dann der Chorus "Wir wollen Sonne statt Reagan, ohne Rüstung leben, ob West, ob Ost, auf Raketen muss Rost."

Für die Zuschauer der Sendung "Bananas" erschließt sich die Szene nur widersinnig. Der Frontmann im Hintergrund! Die Backgroundsängerinnen und die Band im Vordergrund. Dann der Text. Amüsiert wird am nächsten Tag in der Großen Pause oder am Stammtisch über den deplaziert wirkenden Hut- und Westenträger diskutiert. "Wie hieß der nochmal? Joseph Beuys? Ist der jetzt bei BAP eingestiegen?" Und außerdem: was soll dieser Song, "Sonne statt Reagan"? Ein weiterer irrsinniger Song im NDW-Korsett oder ist er vielleicht doch ernst gemeint?

"Sonne statt Reagan" ist Beuys Antwort auf "Petting statt Pershing" - textlich also eine direkte Kritik an der Aufrüstungspolitik der Amerikaner und der Russen. Als einer der wichtigsten deutschen Aktionskünstler in der Zeit des Kalten Krieges will Beuys natürlich auch seinen Beitrag zum Weltfrieden leisten und scheitert damit auf der medialen Ebene. Warum er denn als Sänger hinter der Band stehe? Und außerdem viel zu wenig Showeinlagen! Da hätte man gleich Schunkeln können! Aber Beuys Message ist klar: "Mensch Knitterface (Anm.: gemeint ist Ronald Reagan), der Film ist aus, nimm' die Raketen mit nach Haus!" Dies macht er unmissverständlich klar, nur an der Umsetzung haperts ein wenig.

Jump Around...

... denn gleich geht's nach Essen. Eine Taube hat mir so eben auch zugeflüstert, dass das Bier auch schon kalt gestellt wurde. Sehr schön, da bleibt nur eins zu sagen: "Jump Around!" und wer könnte das schöner als House of Pain?

Aus gegebenem Anlass /// Jim Carroll Band "People Who Died"

Jim ist ein wirklich herausragender Basketball- spieler. Er ist sogar so gut, dass er es bis in die Mannschaft an seiner High School in New York schafft. Sein Trainer prophezeit ihm eine große Karriere in der NBA. Die Zeichen stehen also gut für ihn. Doch Jim hat leider ein gravierendes Problem, dass nicht nur seine Basketball-Karriere zunichte macht, sondern auch alles andere in seinem Leben verändern wird: er ist heroinabhängig wie kein Zweiter, ein Junkie vor dem Herrn.

Wer hätte gedacht, dass Jim irgendwann einmal seine Memoiren veröffentlichen würde und dass es Leute gäbe, die sich für seine Leidensgeschichte interessieren. Absolut utopisch würde es sich auch anhören, wenn seine Memoiren irgendwann einmal verfilmt werden würden, mit Leonardo DiCaprio in der Hauptrolle beispielsweise. Daran ist gar nicht zu denken. Jedenfalls jetzt noch nicht, was zählt ist der nächste Schuss und das Geld um eben diesen zu bezahlen.

Als Jim mal wieder etwas klarer ist im Kopf, gründet er eine Punkband, benennt sie nach sich selbst (Jim Carroll Band) und fabriziert gleich auf seinem ersten Album einen sehr merkwürdigen Song, der noch heute nichts von seiner Morbidität verloren hat.

"People Who Died" ist eine ellenlange Liste, na, von was wohl? Von Menschen die gestorben sind und die Jim angeblich gekannt hat. Insgesamt singt Jim von 13 toten Personen, was allein schon ziemlich traurig ist. Wenn man jedoch bedenkt an was die vielen Leute in Jims Song so sterben und dass vornehmlich junge Menschen unter 16 umkommen, dann potenziert sich die die Trauer noch einmal. Teddy schnüffelt Kleber und fällt von einem Dach; Cathy säuft sich ins Jenseits mit Wein und Vodka, Bobby Nr. 1 (insgesamt gibt es 3 tote Bobbys in dem Song) stirbt an Leukämie. Dafür braucht Jim gerade mal 15 Sekunden. Nun ist man wirklich gespannt, was danach folgt. Eine Moral beispielsweise? Vielleicht sogar ein Wendepunkt? Ist dass seine Art zu trauern? Aber nein, Jim lässt ob dieses heiklen Themas einen eklatanten Mangel an persönlicher Betroffenheit erahnen. Im Refrain bleibt dann nur noch Platz für ein stumpfes: "Those are the people who died! Died! They were all my friends, and they died!"



Leider ist "People Who Died" in diesen Tagen programmatisch zu verstehen, denn Jim Carroll starb am 11. September 2009 an Herzversagen.

classics /// Paul Simon "You Can Call Me Al"

So, Ahab hat seinen Urlaub beendet. Kopenhagen ist eine Reise wert kann ich euch sagen, neben ner Menge zu bestaunen gibt's da auch sehr hübsche Menschen und ein prall gefülltes Nachtprogramm.

Ich werde auch gleich mal ne neue Rubrik eröffnen, die sich classics nennen wird und Songs vorstellt, die sich irgendwie in das Gehirn eingebrannt haben (oder von denen ich glaube, dass sie zu Unrecht im Radiogegniedel der Neuzeit untergegangen sind).

Den Anfang macht Paul Simons "You Can Call Me Al" vom 1986er Album "Graceland", das ich wie immer sehr empfehlen kann. Simon experimentiert auf dieser Platte sehr viel mit afrikanischen Instrumenten und Rhythmen, die sich zu quasi -westlichem Songwriting und seinen erzählerischen Qualitäten gesellen. Heute würde man das vermutlich mit dem Afro Beat-Stempel abstrafen, aber eigentlich ist es vielmehr als das.

"Simons Karriere war in den 1980er Jahren stark angeschlagen. Ein erster Schritt zur Realisierung des neuen Projekts war der Song Gumboots der Boyoyo Boys. Simon schrieb einen Text für dieses Instrumentalstück und nahm es neu auf. Diese Version wurde der vierte Track des Albums.

Simon nahm das Album in Südafrika auf, was ihm teilweise Kritik einbrachte, da dort noch immer Apartheid herrschte und ein Bann für kulturelle Kontakte nach Südafrika bestand. Allerdings arbeitete er hauptsächlich mit schwarzen Künstlern aus Südafrika und Lesotho zusammen. Damit machte er diese Künstler einem breiteren Publikum in Nordamerika und Europa bekannt – allen voran die Gruppe Ladysmith Black Mambazo und den Sänger Ray Phiri von der Gruppe Stimela." (via Wikipedia)

Simon Dupree & The Big Sound /// "Kites"

"Kites" schiesst 1967, also way back in time, durch die Decke der britischen Top 20ies. Doch für Die Shulman-Brothers a.k.a. Simon Dupree & The Big Sound ist der Song nur ein i-Tüpfelchen auf dem morastigen Zuschreibungen der Musikjournalisten. Für ihr Reportoire und ihre Ausrichtung als Band sei "Kites" zu psychedelisch. Auf der Bühne mockieren sie sich darbüber, sie seien eine blue-eyed Soul Band und der Song sei nur eine Ausnahme. Doch Management und Label sind sich einig: Erfolg in diesen stürmischen Tagen kann man nur mit Psychedelica erreichen.

Die geplante Schottland-Tour fällt letztendlich auch fast aus, aber nicht weil man den Druck des Labels nicht stand hält, sondern weil Keyboarder Eric Hine wegen Krankheit ausfällt. Aus einer Notsituation heraus rekrutiert die Band daraufhin den damals noch unbekannten Reginald Dwight, der Hines Posten übernehmen soll. Dwight hat Talent, das muss man ihm wirklich lassen, er ist ein Virtuose an den Tasten und vielmehr noch: er ist ein begabter Songwriter. Er schüttelt diese sprichwörtlich nur so aus dem Ärmel. Zu fiel für Simon Dupree & The Big Sound. Höflich erteilt man ihm eine Absage, als er die Band überreden will einen seiner Songs aufzunehmen. Doch Reginald Dwight hat noch lange nicht genug, denn er hat sich für die Bühne etwas Neues ausgedacht: ein Alter Ego. Die Band lacht ihn daraufhin aus:

"Wie willst du dich nennen? Elton John?" Wer lacht zuletzt?




(Der Ausschnitt stammt leider nicht von der besagten Schottland-Tour. Hier steht Hine noch selbst an den Tasten. Man beachte auch die extrovertierte Fliege des Xylophon-Spielers)

The Kinks /// "Brainwashed"

Vom großartigen Album "Arthur or The Decline of the British Empire".



Ich würde ja das ganze Album posten, aber das würde die GEMA wohl nicht so gerne sehen. Problematisch wird es auch schon bei einem Song. Dass auf Youtube.com Urheberrechtsverletzung im großen Stil betrieben wird, ist ja nichts Neues, aber vielleicht sollte man mal über eine komplette Neubewertung dieser ganzen Diskussion nachdenken. Sicherlich lässt sich von Seiten der Rechteinhaber die Plattform auch negativ umdeuten, aber für den Künstler ist das Portal eines der wenigen Sprungbretter um überhaupt wahrgenommen zu werden.

Mal schauen, wie sich die derzeitigen Bemühungen der GEMA an Youtube.com mitzuverdienen, auflösen werden. Auf spiegel.de, netzwertig.com und intro.de kann man sich über den derzeitigen Stand informieren.

Georg Kreisler /// "Taubenvergiften"

"Schatz das Wetter ist wunderschön, da leid ich's nicht länger zu Haus, heute muss man ins Grüne gehn, in den bunten Frühling hinaus [...]" So beginnt der rabenschwarze Chanson des Wiener Kabarettisten/Pianisten Georg Kreisler. Doch Kreisler wäre nicht Kreisler, wenn er nicht auch die alltäglichste Sache, ein Picknick beispielsweise, in eine wunderbar bösartige Geschichte mit einem noch bösartigeren Ende verwandeln würde.

Mit nur einem einzigen Satz schlägt die Idylle plötzlich in den Tatort eines massenhaften Tiermordes um: "Schau, die Sonne ist warm und die Lüfte sind lau, gehen wir Taubenvergiften im Park!" Das Publikum ist verblüft, ergriffen sogar. Soll man da lachen? Obwohl der Song in den ersten vier Jahren nach seiner Veröffentlichung (1956, damals noch "Frühlingslied") nicht im Radio gespielt wird, markiert "Taubenvergiften" den frühen Ruhm des Wiener Pianisten. Den Radioboykott hat ihm ein österreichischer Programmdirektor einmal so erklärt: "Wir üben keinerlei Zensur aus, denn wir leben ja in einer Demokratie. Wir entscheiden lediglich, was man der Masse vorsetzen kann und was nicht."

Kreislers Geheimrezept ist die Mundpropaganda und das ewige Herumstochern in den alten Wunden der Wiener Gemütlichkeit. 11 Jahre nach dem 2. Weltkrieg verfiel der Wiener Schmäh in eine Art Schlafkrankheit, die die Ereignisse von 1933-1945 vergessen machen wollte. Doch Kreisler, der selbst aus Österreich wegen seiner jüdischen Herkunft floh und später wieder zurückkehrte, spürte, dass sich die Haltung gegenüber Juden und Andersdenkenden noch keineswegs geändert hat. So sagt Kreisler ein paar Jahre später: "Ich habe mich damals geniert, Gerechtgkeit zu verlangen, es wäre auch vergeblich gewesen. Ich habe "Taubenvergiften geschrieben statt ein paar Worte oder Klänge, über die ich Blut verloren hätte."

Georg Kreisler /// "Taubenvergiften"



Die Zitate stammen aus der Kreisler-Biografie "Gibt's doch gar nicht". Erschienen bei Fischer.